Seine Familie hat alles. Es gibt nichts, was sie nicht kaufen könnten. Ein goldener Ferrari? Das zahlen sie aus der Portokasse. Eine Reise zum Mond? Die bringt der Weihnachtsmann. Eine Insel in Kleeblattform? Ist ein nettes Geburtstagsgeschenk.
Nie musste er ein 'Nein' akzeptieren. Immer erfüllten ihm seine Eltern alle seine Wünsche.
Nachdem alle Weihnachtsgeschenke ausgepackt sind und er sich überschwänglich für die Mondreise bedankt hat, steht das gemeinsame Abendessen parat. Rosa, die Küchenfee, hat sich selbst übertroffen. Sie hat eine Menge traditionelle französische Speisen gekocht, gebacken und gebraten. Passend zum diesjährigen Weihnachtsmotto "Paris".
Der Weihnachtsbaum hat die Form des Eiffelturmes - extra vom örtlichen Förster zurechtgestutzt, liebevoll französisch dekoriert von der werten Frau Mama. Alle Esszimmerstühle haben Überzüge in den Farben der Tricolore. Über die Lautsprecher dringen französische Weihnachtslieder an die Ohren jedes Familienmitgliedes. Nicht einmal Frankreich ist so französisch wie die diesjährige familiäre Weihnachtsfeier.
"Möchtest du noch etwas Bouillabaisse?" Mit Freundlichkeit umgarnt der Sohn seinen Vater, versucht eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Der weitere Verlauf des Abends ist sehr wichtig. Es muss alles glattgehen. Schließlich will er mehr. Mit den Großen der Großen spielen. Seine Macht erweitern, auch wenn er dies niemals offen zugeben würde.
"Ein wenig kann ich mir bestimmt erlauben." Den dicken Bauch streichelnd grinst ihn sein Vater an.
Warum er diese Körperfülle zulässt, ist dem Sohn ein Rätsel. Für ihn ist es ein Zeichen von Schwäche. Charakterschwäche. Hinweisend auf eine eingeschränkte Gesundheit. Erst kürzlich fand er heraus, dass die unter Spannung stehenden Hemden seines Papas nicht nur Fett, sondern ebenso Diabetes verstecken sollen. Das Puder im Bad gehört nicht der Mama, sondern es überdeckt den blutdruckbedingten roten Kopf vom Vater. Und der Pfefferminzgeruch soll die zur Stressreduktion getrunkenen Whiskeys tarnen. Vater trinkt sie nicht mehr bloß zu geschäftlichen Anlässen, nein er kippt sie auch außerhalb der Arbeit in sich hinein.
Natürlich hat die werte Frau Mama es längst bemerkt. Aber sie tauscht heimlich den dicken Wanst gegen eine jüngere, muskulösere Version ein.
Papas Gesundheit erfüllt ihn mit Sorgen. Kann der alte Mann mit diesen Problemen die richtigen Entscheidungen für das Familienimperium treffen? Was ist, wenn er angetrunken oder leicht unterzuckert eine Sitzung mit dem Vorstand hat? Schafft er es, sich die Aasgeier vom Leib zu halten?
Zeit für eine Veränderung.
"Vater, ich mache mir Sorgen um dich. Du wirkst in der letzten Zeit recht gestresst. Was hältst du davon, einen Teil der Geschäfte an mich abzutreten?" Seine Sätze hat er sorgfältig vor dem Spiegel geprobt. Er wollte die richtige Betonung, die richtige Mimik und die richtigen Worte finden.
Ein kurzes Zucken am Mund seines Vaters verrät ihm, wie unerwartet seine Frage kam.
"Du machst dir also Sorgen um meine Gesundheit?! Brauchst du nicht. Außerdem möchte ich dir noch ein paar Jahre gönnen, in denen du dich besser in die Geschäftswelt einfügen kannst."
Eine grausamere Abfuhr hätte ihm sein Papa nicht geben können. Hinter diesen Worten steckt der Begriff: Nichtsnutz.
"Wie du meinst." Einfache Worte, die mehr Bedeutung haben als es scheint.
Falsch freundlich sieht er zu seinem Vater. Beobachtet ihn, wie er arglos Bouillabaisse isst. Wie seine dicken Finger den Löffel vom Teller zu den schwulstigen Lippen führen. Sein Kinn auf und ab hüpft, während er geräuschvoll kaut. Die dicke Nase einen Spritzer vom französischen Eintopf abbekommt.
Innerlich schüttelt ihn der Anblick, äußerlich mimt er die Ruhe selbst.
"Die Bouillabaisse ergibt gerade noch einen Teller, Vater." Per Suggestion leitet er den nächsten Schritt ein.
"Ein solch gutes Gericht soll nicht verkommen." Mit einem Winken fordert der Vater seinen Sprössling auf, ihm den Eintopf zu bringen.
Ruhigen Schrittes kommt er der Aufforderung nach, bemüht freundlich zu lächeln. Beim Rückweg lässt sich der Sohn ungewöhnlich viel Zeit. Noch während er seinem Vater den Rücken zugedreht hat, hört er das für ihn wohlig klingende Röcheln.
In gespielter Überraschung sieht er zu seinem Vater.
Der Tod hat ihn erfasst, raubt ihm den Atem.
"Warum?" Formen dessen Lippen lautlos.
"Nun, wir können uns gewisse Entscheidung nicht leisten." Flüstert er seinem sterbenden Vater ins Ohr.
Daneben sitzt werte Frau Mama. Ihre Mimik ist starr und verschlossen.
"Wir sollten Rosa feuern. Das hätte nicht passieren dürfen." Mit einem süffisanten Lächeln würzt die Mama ihre Aussage.
"Immerhin hast du heute Abend keine Migräne. Und kannst früher zu François."


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